Samstag, 28. Januar 2012

Glück im Unglück

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll... gestern war so ein ereignisreicher Tag!
Aber erst mal eins nach dem anderen.

Letzte Woche, beim Postkartenkauf habe ich Owais kennengelernt, ein Shopbesitzer, der ursprünglich aus Kaschmir kommt. Also gaaaaaaaaanz weit oben aus dem Norden und nur Saisonweise in Kerala arbeitet. Nach einem Tässchen Tee und einer Stunde Plauderei, half er mir nicht nur die Briefmarken auf die über 20! Postkarten zu kleben, sondern überließ sie mir auch zum Einkaufspreis. Als ich vor ein paar Tagen mit Emmeline auf Shoppingtour war und wieder bei ihm im Laden landete, fragte ich ihn, wo ich denn eine indische Simkarte herbekommen könnte. Er schenkte mir eine und nicht genug, er zog sogar mit mir los um ein indisches Handy zu besorgen. In meinem Handy funktionierte die olle Simkarte nämlich nicht. Ein Handy für 7,50 € ist im Zeitalter von Iphone oder generell Smartphones natürlich absolut lächerlich. Bis hier hin hatte sich die Zeitinvestition ja schon vollsten gelohnt, aber es kommt noch besser... Er hat mir ein Zimmer bzw ein kleines Bambus Häusschen für 400 Rupie die Nacht verschafft. Das sind umgerechnet gerade mal 6€. Der Touristen-Preis liegt etwa beim doppelten. 




So konnte ich also gestern ruhigen Gewissen mit Leslie sprechen und den Job im Coffee Temple schmeißen. Ein bisschen traurig war ich schon. Man gewöhnt sich ja doch recht schnell an die Leute und ich hatte dort auch wirklich eine schöne Zeit mit vielen tollen Bekanntschaften. Leslie weinte meinen tollen Muffins ein bisschen hinterher, auf die er nun wohl oder übel verzichten muss und vermutlich auch dem Profit, verabschiedete mich mit einem dicken Schmatzer auf die Backe und sagte " You've been fabulous! - You are always more than welcome". Die beiden Frauen, die in der Küche mithelfen, aber nicht mehr als 3 Worte Englisch sprechen, knutschten mich ebenfalls und drückten mich ganz fest. Das hat mich wirklich gerührt. 

Nun gut... kurz bevor ich aber von dannen zog, erklärte ich noch einer neuen Mitarbeiterin, wie man einen Ice Coffee White mixt. Als ich mich umdrehte, um nach einem Glas zu greifen, stand an der Theke ein richtig hübscher Mann und hübsch ist noch untertrieben, der ganz offensichtlich meine Aufmerksamkeit suchte. Ich muss dazu sagen, ich war ein bisschen unter Zeitdruck, Owais bat mich vor 13Uhr samt Gepäck mein neues Zimmer zu beziehen, weil er danach noch Termine hatte. Es war bereits nach 12Uhr und ich musste ja noch nach Hause mein Gepäck holen und auch wieder zurück ans Cliff kommen. Leslie übernahm die Schlange an der Theke und ich verschwand zur Verabschiedung von Ram & Co. in die Küche...das Schnittchen guckte immernoch in meine Richtung... ich war schon auf dem Weg zu meinem Fahrrad, als Leslie mich rief, ich solle doch bitte mal noch schnell bei Tisch 1 schauen... Internetprobleme. Ich war etwas genervt, drehte also noch mal um und na 3mal dürft ihr raten WEM ich helfen durfte... dem Schnittchen :D . 
Wir sprachen vielleicht 10min miteinander. 2 davon auf spanisch. Er wollte seinen Flug umbuchen. Er ist mit seiner Nichte und seinem Cousin unterwegs. So wie jedes Jahr über Weihnachten seit 2008, da jemand in seiner Familie umgebracht wurde. Ich erzählte ihm meine Story, unglücklich auf der Arbeit, schwierige Trennung, dann meine Bauchgeschichte... Er steckte mir noch schnell seine Businesskarte zu mit den Worten, dass er spüre, dass das was für mich sei und weg war ich. 

Da ich ja noch ordentlich was vor mir hatte, war der schöne Mann, kaum als er aus meinen Augen war, auch schon aus dem Sinn. Ich bin übrigens die 3km zum Cliff samt meinem Wahnsinns-Gepäck gelaufen. Beim Bambushäusschen angekommen, dann der Schock... das Häuschen war anderweitig vergeben worden. Ich war mehr als angepisst... zu mal ich mir das Zimmer den Abend davor noch angeschaut und für den Tag drauf reserviert hatte. Owais war bereits weg, aber ich rief ihn umgehend an (wie schön das ich jetzt ein indisches Handy habe) und ließ ihm mit dem Kerl verhandeln. Ende vom Lied, ich bekam ein besseres Zimmer zum selben Preis und werde dann heute in ein Bambushüttchen ziehen. Na über ein Upgrade wird ja wohl keiner meckern wollen ;).

Genervt und geplagt von der Schlepperei, beschloss ich den Rest vom Tag am Strand zu verbringen. Gesagt getan, rein in den Bikini und ab damit. Ich fackelte nicht lange, suchte mir nur schnell ein Plätzchen und sprintete in die Wellen. Uhhhhhhhh was war das schön!!!! Das Meer schien mir auch nicht mehr so unruhig zu sein wie die letzten Tage... also dachte ich mir, komm schwimmste mal ein bisschen raus, bist ja ne gute Schimmerin, das haste auf den Bahamas schon bewiesen, als die Seehose aufzog. Tja... Hochmut kommt vor dem Fall,  es dauerte nicht lange und die Wellen brachen wieder mit voller Wucht stark und gewaltig und trieben mich immer weiter in Richtung des Kliffs das vor Steinen nur so protzt... Noch 2-3 Wellen Wasser geschluckt und das kämpfen gegen die Wellen wurde immer anstrengender. Ich hörte den Lifeguard schon pfeifen, dass ich raus kommen soll, aber der alte Witzbold hat gut pfeifen mit Land unter den Füßen. 

Und jetzt die Wende... jemand schwamm auf mich zu und packte mich. Ich habe die Person auf den ersten Blick nicht erkannt, da ich einfach mit der Situation selbst zu überfordert war, aber kein geringerer als das Schnittchen vom Coffee Temple, hat mich aus den Fluten gezogen. Er war selbst am Strand und hatte mich gesehen bzw beobachtet, wie ich in die Wellen sprang und immer weiter abtrieb. Kurz bevor wir wieder in Strand Nähe waren und ich stehen konnte, sagte ich ihm, ich sei ok und könnte selbst gehen... einen Augenblick später fasste er mich richtig grob an, so das es schon weh tat und zog mich fest zu sich heran. Im Nachheinein kann ich nur sagen, Gott sei Dank, denn über uns brach eine Welle zusammen, die mich vermutlich sonst mehr als zerissen hätte. Wie schon so manch anderen Touri, welche hier nun mit Verband, schweren Prellungen und blauen Augen umherspazieren. Das mein Bikini nicht an seinem Platz blieb, lasse ich an der Stelle mal aus... wo ist das Loch zum versinken... 

Zurück am Strand, lernte ich dann seine Nichte kennen, sowie den 18jährigen Cousin, erfuhr über den grausigen Mord seiner Schwester bzw der Mutter der beiden, der seitens der Polizei eigentlich hätte verhindert werden können. Er ist übrigens halb Spanier, halb Irländer und wohnt in England. Sein Vater (Spanier) ließ seine Mutter mit 4 Kindern damals allein zurück. Zu dem Zeitpunkt war er gerade mal 3Jahre alt. Mit 16 ist er für 2Jahre zur englischen Armee gegangen und hat sogar ne Zeit lang in Celle gelebt. Er hat einen großen Labrador, der an Krebs erkrankt ist und kurz vor der Einschläferung steht. Ich muss ehrlich zugeben, ich habe nun schon so einige Lebensgeschichten in den letzten Wochen gehört... aber keine war so tragisch und mitreisend wie diese. 


Und wie auch schon mit Emmeline kam es mir vor, als würde ich Manuel bereits ewig kennen. Es ist erstaunlich wie viele Gemeinsamkeiten wir haben. Kleine banale Dinge

Wir sind am Abend dann noch alle zusammen Essen gegangen und haben im Anschluss noch einen Strandspaziergang gemacht. Am Strand leuchtete ein Lagerfeuer, was unsere Neugierde natürlich weckte. 
Während Celia mit ihrem Bruder Handstände im Sand machte, gingen ich und mein Retter aus der Not (Manuel) näher in Richtung Lagerfeuer. Dort winkte uns ein Einheimischer herbei. Er war gerade dabei sein Abendessen zu grillen... Einsiedler Krebse...wie er sagte "Number one in Calcium". Viel mehr konnte er auf Englisch auch nicht sagen.... wir sollten uns aber setzen und er bat uns sogar an, seine 5 Mini-Krebse mit ihm zu teilen. Wir lehnten dankend ab ;). Fragten aber, ob er nicht ein Foto von uns machen könnte. 

Hier mal das Resultat :D - erschreckend und lustig zu gleich... er hat die Kamera erst falsch herum gehalten... Manuel war der Meinung, dass ich das auf jeden Fall behalten soll, es wäre doch schließlich Teil der Story... also bitte.. ich möchte euch den Anblick nicht vorenthalten...







Manuel Fernandez - Mein Retter in der Not :)


Dinner for one :)
Wenig später stießen noch weitere Inder dazu und es entstand eine richtige Diskussionsrunde über reich/arm, indische Tugenden und Politik. Wusstet ihr übrigens das Jerusalem in Europa liegt? Nein? Dann habt ihr jetzt mal wieder was dazu gelernt ;). Manuel versuchte jedenfalls unerbittlich die Männer eines besseren zu belehren, aber wo die Grundlage an Wissen fehlt, darauf kann man auch nichts aufbauen.

Es ist jedenfalls ne Story wie aus einer dieser Hollywood Streifen, die mich immer runterziehen, weil sie so unrealistisch sind. Er ist gebildet, selbstständig, steht mit beiden Beinen fest im Leben, hat 2 Hunde, ein Haus mit Garten, ein Hippie-Herz, ist ein Gentleman alter Schule, ist ein Sonnenschein und gewitzt trotz aller Schicksalsschläge und last but not least er hat mich aus den Fluten gerettet. Hallooooo????  Halbspanier und dann auch noch so unverschämt gutaussehend, das kann der liebe Gott doch nicht ohne Grund gemacht haben! Aber und jetzt kommt der entscheidende Punkt, der mich sofort wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Er ist 36 und 36 ist einfach -selbst für mich- zu alt. 14 Jahre Altersunterschied. Das ist ein ganz bitterer Nachgeschmack, nachdem wir den ganzen Tag so viele tolle Unterhaltungen geführt und nicht auch nur ein Wort über unser Alter gesprochen hatten, weils einfach so nebensächlich war.  Welche Rolle spielt also eigentlich das Alter?

Am Dienstag gehts jedenfalls in den Ashram und dann habe ich Zeit genug mir darüber Gedanken zu machen, was ich vom Leben erwarte, wer ich bin und was ich wirklich will . Denn ich denke, erst wenn man weiß wer man selbst ist, kann man denjenigen finden, der zu einem passt. 

Manuel hat da gestern ein ganz passendes Beispiel gebracht. Das Leben ist ein großes Hochhaus mit 20 Stockwerken, Auf der ersten Etage sind Terroristen, Diktatoren, Mörder, Abschaum... die Etage ist gerammelt voll, Auf Etage 2 sind die Schwerverbrecher usw usw auf Ebene 19 sind die Menschen, die die Welt verändert haben wie z.B. Mutter Theresa und Stockwerk 20 ist das Nirwana.
Je höher man aufsteigt, desto weniger Menschen wird man dort antreffen. Jeder entscheidet selbst, auf welcher Ebene er sich selbst sieht. Auf welcher er seinen Frieden findet. 

Da ist was wahres dran. Eins steht jedenfalls fest, in Kontakt werden wir bleiben. Und spätestens wenn ich Emmeline in London mal besuchen werde, sehe ich ihn wieder, meinen Guardian Angel ;) .Eingeladen hat er mich jedenfalls schon... und die Titti ebenfalls. Er stand seiner Schwester ähnlich nah bevor sie aus dem Leben gerissen wurde. 

Ihr Lieben... es geht mir übrigens trotz der Meeres-Turbulenzen gut und nein ich bin bei klarem Verstand und fange mir nicht den nächsten Liebeskummer an. ;) Nur um die Kritiker unter euch, die nach diesem Post Gefahr wittern, direkt schon mal ruhig zu stellen.